07.02.2025 | Nachruf 1KMD Prof. Hartwig Eschenburg

Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

2. Tim 1,7

 

Liebe Geschwister, 

am Dienstag, dem 04. Februar 2025 verstarb im 91. Lebensjahr KMD Prof. Hartwig Eschenburg.

 

Sein Tod ist uns Anlass für dankbaren Rückblick, hat er doch die Kirchenmusik in der Meck- lenburgischen Landeskirche wesentlich mitgestaltet und für manch erhellendes Licht in unse- ren Gemeinden gesorgt.

 

Schon als Kind wurde er in seinem Geburtsort Warnemünde für das Orgelspiel begeistert. In Halle/Saale studierte er Evangelische Kirchenmusik und erhielt in Bützow 1957 seine erste Anstellung. 1960 kam er an die Johannis-Gemeinde in Rostock. Sie wurde bis zu seinem Dienstende im Jahr 2000 sein berufliches und geistliches Zuhause. Das Musizieren im Got- tesdienst und die Begleitung des Gemeindegesangs auf der Orgel waren ihm der Grundschlag seines Tuns.

 

In den ersten Jahren seines Dienstes baute er mit Kurrenden, Choralchor, Figural- und Motet- tenchor eine große Gemeinschaft von Singenden auf. Das prägte Generationen von Sänge- rinnen und Sängern und schenkte ihnen über die Besonderheit geistlicher Musik Zugänge zum Unsagbaren des Glaubens. Auch über die Rostocker Gemeindearbeit hinaus entfaltete Hart- wig Eschenburg musikalische Aktivitäten. Seine Chorarbeit fand viel Lob und Anerkennung, so auch nach Konzerten im In- und Ausland. Als einziger kirchlicher Chor durfte der Motetten- chor in der DDR-Zeit Schallplattenaufnahmen machen. Eschenburg begründete die Reihe

 

„Einführung und Aufführung“, in der er Theologie und Musikwissenschaft in einen Dialog brachte und dann das analysierte Werk als Konzert aufführte. Die annähernd jährlich stattfin- denden Aufführungen der Weihnachtsgeschichte von Carl Orff in plattdeutscher Sprache fan- den viele begeisterte Freunde. Eine dieser Aufführungen wurde sogar im Fernsehen der DDR gezeigt. 1999 – 2017 nahm Hartwig Eschenburg einen Lehrauftragung für Chordirigieren und Interpretation oratorischer Werke an der HMT Rostock wahr.

 

In den Umbrüchen der Wendezeit wurde Eschenburg Leiter des „Runden Tisches für Kultur“ in Rostock. Es folgten mehrere Auszeichnungen, u.a. durch die Stadt, das Land und den Bund.

 

Eschenburg verstand diese Auszeichnungen immer auch als gesellschaftliche Anerkennung des lebendigen kirchenmusikalischen Lebens in unserer Kirche.

 

1957 heiratete Hartwig Eschenburg seine Frau Renate, geb. Timm. Sie war ihm eine große Stütze bei der vielen Arbeit in einer wachsenden Kantorei. So etwa schrieb sie mit der Hand oft nächtelang Noten ab, die für Orchestermusiker beschafft werden mussten. Kopiergeräte gab es bei uns schließlich noch nicht.

 

In der Familie wuchsen vier Kinder auf, deren musikalische Entfaltung in besonderer Weise ihrer Mutter zu danken ist. Mit Hartwig Eschenburg verliert unsere Landeskirche eine „Institu- tion“ der Kirchenmusik und den Lehrer einer Haltung. Wir sind Gott dankbar, dass wir ihn gehabt haben.

 

Der Gottesdienst anlässlich seiner Beerdigung findet am 14. Februar 2025 um 14.00 Uhr in der St.-Johannis-Kirche in Rostock statt. Die anschließende Beisetzung ist auf dem Friedhof in Rostock-Biestow vorgesehen.

 

i.A. Pastor i.R. Dr. Matthias Kleiminger


04.02.2025 | Nachruf 2Kirchenmusikdirektor Prof. Hartwig Eschenburg

„Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister Jesus tritt herein.

Denen, die Gott lieben, muß auch ihr Betrüben lauter Zucker sein.

Duld’ ich schon hier Spott und Hohn, dennoch bleibst du auch im Leide,

Jesu, meine Freude.“

(Originaltext der letzten Strophe des Chorals „Jesus, meine Freude“, wie ihn J.S.Bach in der gleichnamigen Motette als Schlusssatz verwendet hat.)

 

Im Gedenken an Hartwig Eschenburg

 

In den frühen Morgenstunden des 4. Februar 2025 ist Kirchenmusikdirektor Prof. Hartwig Eschenburg im Alter von 91 Jahren heimgerufen worden. In den letzten Wochen immer schwächer geworden, durfte er im Frieden gehen. An seinem Kranken- und Sterbelager haben seine vier Kinder und Angehörige noch oft gesungen und musiziert.

 

Hartwig Eschenburg stammt aus Warnemünde. Sein Vater war Karl Eschenburg, ein bekannter Fotograf. Durch das Erleben der Kirchenmusik in Warnemünde ist in Hartwig Eschenburg früh der Wunsch gewachsen, selber Kirchenmusiker zu werden. Er studiert evangelische Kirchenmusik in Halle / Saale und schloß 1957 mit dem A-Examen ab.

 

Zunächst war er dann Kantor und Organist an der Stiftskirche in Bützow. 1960 wurde er Kirchenmusiker der St. Johanniskirche in Rostock. Dort gedieh unter seinen Händen aus bescheidenen Anfängen eine umfangreiche kirchenmusikalische Arbeit mit dem Schwerpunkt bei den Chören. So wurde aus einer kleinen Kurrende eine mit etwa 70 Kindern. Aus dem Kirchenchor wurde der Figuralchor, vorrangig für große Oratorienaufführungen, mit etwa 120 Sängerinnen und Sängern. Aus dem Choralchor, von Eschenburg für das sonntägliche Singen im Gottesdienst ins Leben gerufen, wurde eine große Jugendkantorei mit etwa 90 Mitwirkenden. Es gab außerdem einen Kreis „Offenes Singen für ehemalige Chormitglieder und andere Sangesfreudige“. 1964 gründete Eschenburg den Rostocker Motettenchor, ein übergemeindliches Ensemble für besonders anspruchsvolle Kirchenmusik. Der Motettenchor wurde bald über die Grenzen Mecklenburgs hinaus bekannt. Er sang an renommierten Orten wie der Thomaskirche in Leipzig, der Dresdner Kreuzkirche, dem Berliner Schauspielhaus und unternahm auch Konzertreisen in die weite Welt, so 1995 an die Westküste der USA zum Oregon-Bach-Festival mit einer Aufführung des „War-Requiems“ von Benjamin Britten in internationaler Besetzung. - Für die zahlreichen Aufführungen seiner Chöre, bei denen Orchester gebraucht wurden, entstand 1983 das „Kantatenorchester St. Johannes“ aus Berliner Musikstudenten, zu denen auch Musik studierende Kinder von Eschenburg gehörten.

 

Schwerpunkt der Arbeit Eschenburgs war die Kirchenmusik in Rostock und in Mecklenburg. Umfangreiche Probenarbeit, Singen und Musizieren im Gottesdienst, Konzerte in vielen Kirchen standen im Zentrum seines Wirkens. Viele erinnern sich an beeindruckende Aufführungen, angefangen von Werken des Barock (Schütz, Bach u.a.) bis hin zu Kompositionen der Gegenwart (Hessenberg, Nystedt, Kodaly u.a.m.). Die jährliche Singwanderung des Choralchores fand ein begeistertes Publikum und veranlaßte zu DDR-Zeiten die Behörden zu Mißtrauen und erhöhter Wachsamkeit. Zu einem Höhepunkt wurde auch immer wieder die Aufführung der Weihnachtsgeschichte von Carl Orff, zu der Eschenburg die plattdeutsche Fassung geschrieben hatte. Die Einstudierung dieses Werkes mit Kindern und Jugendlichen bereitete ihm jedes Mal besondere Freude.

 

Eschenburg war Kulturpreisträger der Hansestadt Rostock und des Landes Mecklenburg-Vorpommern. 1998 wurde ihm das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland verliehen. 2020 erhielt er den Siemerling-Sozialpreis. Er war 1987 - 2002 Mitglied des Direktoriums der Neuen Bachgesellschaft und wurde später deren Ehrenmitglied.

 

Im Jahr 2000 trat Hartwig Eschenburg in den Ruhestand. Er wirkte noch bis 2017 als Honorarprofessor für Chorleitung und Oratorieninterpretation an der Hochschule für Musik und Theater Rostock.

 

Vielen Menschen, besonders heranwachsenden, ist Hertwig Eschenburg Begleiter auf dem Lebensweg geworden. Seine Probenarbeit hatte auch eine sehr dem einzelnen zugewandte Seite. In den Proben verband er Hinweise zur Interpretation der Musik oft mit Glaubens- und Lebensfragen. Singen und Musizieren waren für ihn in erster Linie Ausdruck von Dankbarkeit und von Anbetung. Nach einem Konzert mit Weihnachtschorälen 1999 schrieb er: „Gerade die schlichte Musik ist es oft, die unser Inneres zum Klingen bringt. … Ehrfurcht, Demut und Liebe sprechen aus den Weihnachtsliedern - Dimensionen des Menschlichen, die im rasanten Fortschritt materiell bestimmten Lebens nur zu leicht zu verkümmern drohen.“

 

Andreas Flade


Meldung: Rostocker Kirchenmusikdirektor Hartwig Eschenburg gestorben