Blick auf mecklenburgische Täter der NS-Verbrechen und des Holocausts Veranstaltungsreihe zum 80. Jahrestag des Kriegsendes

Foto Bundesarchiv
26.03.2025 · Wismar/Parchim. Das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt sich in diesem Jahr zum 80. Mal. Der Evangelisch-Lutherische Kirchenkreis Mecklenburg lädt gemeinsam mit sechs Kirchengemeinden in den kommenden Wochen zu einer Veranstaltungsreihe zwischen Wismar und Parchim ein. In die Region also, wo im April und Mai des Jahres 1945 Militärverbände unterschiedlichster Nationen, Heimatvertriebene, Zwangsarbeiter und Todesmärsche von KZ-Insassen aufeinander- und auf Einheimische trafen.
„Unter der Frage, ob es in unserer Region nur Opfer oder auch Täter des Nationalsozialismus gab, wollen wir uns dabei auch einem Aspekt widmen, der oft nur unzureichend beleuchtet wird: den Tätern“, sagt der Wismarer Propst Marcus Antonioli. Bislang gebe es keine umfassenden Studien über die mecklenburgischen Täter des Holocausts und anderer NS-Verbrechen, „obwohl sie in unserer Mitte lebten und wirkten. Diese Seite der Geschichte verdient es, erforscht und offen angesprochen zu werden – auch als eine Aufgabe der Kirche“.
Blick auf historische Zusammenhänge und Täter aus Mecklenburg
Gemeinsam mit dem Historiker Christoph Wunnicke (Schwerin) und den beteiligten Kirchengemeinden wird zu insgesamt sechs Vortrags- und Diskussionsabenden eingeladen. In den Gesprächsrunden werden eingangs kurz der aktuelle Forschungsstand präsentiert und recherchierte Quellen vorgestellt. „Gemeinsam wollen wir anschließend mit den Bewohnern der Gemeinden und Zeitzeugen diskutieren und so das Gedächtnis an diese dunklen Kapitel unserer Geschichte lebendig halten“, blickt die Parchimer Pröpstin Sabine Schümann voraus.
Dabei sollen die historischen Hintergründe der jeweiligen Ereignisse im Frühjahr 1945 kurz dargestellt werden. Zeitzeugen oder deren Familien werden teils von ihren persönlichen Erfahrungen aus dieser bewegten Zeit erzählen. Den Kern der Veranstaltung bildet die offene Diskussion. „Wir möchten das Publikum ermutigen, eigene Erinnerungen oder die Geschichten der Familie zu teilen – sei es über die letzten Kriegstage, die Begegnungen mit der Roten Armee und den Alliierten, die ersten Monate nach dem Krieg oder das Schicksal der Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in der Region bis hin zur Bodenreform“, so Christoph Wunnicke, der die Veranstaltungen auch moderiert.
Der Historiker wird dabei den Blick immer wieder auch auf die mecklenburgischen Täter der NS-Verbrechen und des Holocausts lenken: „Egal ob sie ihre Arbeit am Schreibtisch, in den Einsatzgruppen hinter der Ostfront, in der KZ-Baracke oder an der Gaskammer verrichteten. Denn die Verantwortlichen für Kriegsverbrechen, Vertreibung, Zwangsarbeit oder Folter während der Zeit des Nationalsozialismus aus Mecklenburg wurden nie systematisch ermittelt und systematisch beschrieben“, so Christoph Wunnicke. So stammte beispielsweise der Verantwortliche für die tödliche Evakuierung des Hamburger KZ Neuengamme, Georg-Henning Graf von Bassewitz-Behr, aus Lützow. Weitgehend unbekannt ist ebenso die Biografie von Walter Granzow. „Nach dem Wahlsieg der NSDAP wurde er 1932 NSDAP-Ministerpräsident von Mecklenburg-Schwerin. Auch in Schwerin sorgte er für die Enteignung jüdischen Besitzes und die Förderung ,arischer Betriebe“, so Christoph Wunnicke.
Die Veranstaltungsreihe im Kirchenkreis Mecklenburg bietet die Möglichkeit, sich über entscheidenden Monate vor 80 Jahren in der eigenen Region auszutauschen, eher unbekannte Forschungsergebnisse kennenzulernen und mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen. „Wir laden alle Interessierten herzlich dazu ein, sich an den Diskussionen zu beteiligen und mehr über das Kriegsende und seine Folgen zu erfahren“, sagen Pröpstin Sabine Schümann und Propst Marcus Antonioli.
Detaillierte Infos unter: www.kirche-mv.de/80-jahre-kriegsende
Übersicht der Veranstaltungsreihe zum 80. Jahrestag des Kriegsendes:
Mittwoch, 9. April, 19 Uhr – Groß Trebbow, 19.00 Uhr, Dorfkirche Groß Trebbow
80 Jahre Kriegsende in der Region
Extra:
Freitag, 11. April - Wismar, 17.00 Uhr, Georgenkirche
Freitag, 25. April – Schwerin, 18 Uhr, Thomaskapelle des Domes
Das Jahr 1945 in Schwerin: Opfer und Täter
Dienstag, 29. April – Carlow, 19 Uhr, Gemeinderaum im Pfarrhaus Carlow
Das Kriegsende in der Region Demern und Carlow 1945. Täter und Opfer
Mittwoch, 30. April - Parchim, 18.30 Uhr, Rathauskeller Parchim
Das Jahr 1945 in Parchim: Opfer und Täter
Dienstag, 6. Mai - Severin, 18.30 Uhr, Kirche Severin
Das Jahr 1945 in der Region Severin und Klinken
Freitag, 9. Mai - Wismar, 19.30 Uhr, Turmkirche St. Nikolai Wismar
Kriegsende und Täterschaft in der Region Wismar - Jugendliche, Zeitzeugen und Historiker berichten
Hinweis: Eintritt frei. Spenden helfen bei der Sanierung der jeweiligen Kirche.
Quelle: ELKM (cme)